Nils Dunkel
ich dich gesehen habe
2.–5.9.2021
Während der Ausstellungstitel auf den ersten Blick wie eine sprachliche Vereinfachung erscheint, ist dieser ein Text-Fragment welches vom Betrachter ergänzt werden möchte. Wie einem Ausschnitt aus einem bestehenden Satz kann diesem ein beliebiger Anfang und ein beliebiger Schlussteil gesetzt werden.
ich dich gesehen habe kokettiert mit der Außenseiter-Rolle einer integrierten Gesellschaft mit Migrationshintergrund. Was bedeutet Migrationshintergrund heute in einer Gesellschaft, die sich offen und kosmopolitisch gibt, aber gefangen ist in ihren ausländerfeindlichen Vorurteilen und Gedanken?
Als gedanklichen Pfeiler hat Nils Dunkel ein Werk des Schweizer Künstlers Rémy Zaugg als Basis für die eigene installative Arbeit ausgewählt und in den Ausstellungskontext integriert. Zentral gehängt, wirft die Arbeit ICH, ICH SEHE DICH. (1998) Fragen zur ästhetischen und ethischen Begründung von Wahrnehmung auf.
Ähnlich wie bei Stanley Kubricks Film 2001: A SPACE ODYSSEY (1968), in dem der Bordcomputer HAL 9000 zunehmend zur Bedrohung wird, tritt Rémy Zauggs Arbeit mit dem Betrachter in direkten Dialog und suggeriert Überwachung und Kontrolle.
Kubricks Befürchtungen der 60er Jahre wurden von Zaugg in den 90ern manifestiert, sind in den 2020er Jahren aber längst eliminiert, gar umgedreht. Kontrolle scheint nun keine Gefahr mehr, sondern zeitgemäß. Private Inhalte werden freiwillig geteilt. Je weiter diese an Unbekannte verbreitet werden können, umso erfolgreicher die Mission. Die Interaktion mit Fremden definiert unseren Alltag und dominiert unsere Freizeitgestaltung. Werte werden aufgehoben, physischer Besitz nicht mehr erstrebenswert, alles kann gemietet oder in den digitalen Speicher geladen werden. Der daraus resultierende Kontrollverlust unserer Daten und Identität definiert den Zeitgeist.
Ebendieser findet in der Ausstellung zum einen durch das unentgeltliche Bereitstellen der Bilddateien, zum anderen durch ein käuflich erwerbbares NFT-Unikat statt. QR-Codes neben den ausgestellten Werken ermöglichen dem Betrachter den Zugang zur Original-Datei. Diese kann sofort heruntergeladen und im Anschluss in beliebiger Skalierung nachgedruckt werden. Die Idee einer qualitätsarmen Kopie wird hierbei überschrieben und neu definiert, das geistige Gut verschenkt bzw. zum beliebigen Gebrauch zur Verfügung gestellt.
exhibition walk through (00:55 min)